68. DGU-Kongress in Leipzig: Bericht des ShB-Vorstands

Veröffentlichungsdatum | 26. Oktober 2016 | Bettina Lange

Aktualisierung: 2. November 2016

…vom 68. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Leipzig
 
Die weltweit drittgrößte urologische Fachtagung unter Leitung des Präsidenten Prof. Kurt Miller stand unter dem Motto „Ökonomie versus Qualität: Lösungen für Urologen in Sicht?“ Ausdrücklich wurden die Bemühungen, Qualitätsmaßstäbe in die Entgeltsysteme der Krankenhäuser einzuführen, begrüßt. Optionen, Qualität auch bezahlbar zu machen, wurden genannt, und zwar das Entwickeln von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Dazu gehören z.B. anerkannte Zentren, die mit ihren standardisierten Abläufen regelmäßig auditiert werden sowie angewendete hochwertige aktuelle Leitlinien und Ergebnisdaten aus dem Qualitätsmanagement der Krankenhäuser. Im Eröffnungsplenum am 29.09.2016 sprach Prof. Miller in seinem Vortrag das Problem der „Überdosis Ökonomie“ in den Krankenhäusern an und zitierte aus dem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM): „Der Patient ist kein Kunde, das Krankenhaus kein Wirtschaftsunternehmen“. Er kündigte an, dass ein Institut gegründet werde, das dauerhaft und unabhängig die Qualität der ambulanten und stationären Versorgung ermittelt und dem Gemeinsamen Bundesausschuss Entscheidungsgrundlagen liefert. Z.B. schreibe der Gesetzgeber bisher nicht vor, wie viele Pflegekräfte auf einer Intensivstation oder auf einer chirurgischen Station notwendig sind. Die Kliniken müssen solche Daten nicht angeben. Und die Patienten können und sollen nicht wissen, ob genügend Pflegekräfte auf der Station sind und ob das Personal auch qualifiziert genug ist.
 
Für uns beim Selbsthilfe-Bund Blasenkrebs war neben den vielfältigen Kontakten insbesondere die Veranstaltung zur neuen S3-Leitlinie „Harnblasenkarzinom“ wichtig. Daran hatten auch von Anfang an Dr. Manfred Petrik (stv. ShB-Vorsitzender) und Joachim Weier (ShB-Vorsitzender) verantwortlich mitgearbeitet.
 
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An vielen Stellen der fast 400 Seiten umfassenden Leitlinie ist es gelungen, patientenrelevante Details einzubringen. So finden sich oft Hinweise auf umfassende Aufklärung und informierte Beteiligung der Patienten bei sie selbst betreffenden Entscheidungen zu Therapie und Nachsorge. Auch der Nutzen der Selbsthilfearbeit wird berücksichtigt. Ganz besonders freuen wir uns, dass gleich zu Beginn auf unsere Anregung hin das Problem der in den Veröffentlichungen des Robert-Koch-Institutes zu „Krebs in Deutschland“ nicht ausreichend dargestellten Neuerkrankungen aufgenommen wurde: Für die Statistik werden bislang nur die sog. „C 67-Diagnosen“ berücksichtigt – die pTa-Tumore und das Carcinoma in situ (Cis) werden nur „im Kleingedruckten“ genannt. Da das pTa-high-grade-Harnblasenkarzinom und das Carcinoma in situ beim nicht-muskelinvasivem sehr hohe Progressions- und Rezidivrisiken haben, sollte dies künftig auch angemessen in der Berichterstattung erscheinen – zumal sie insgesamt 70 % der primär diagnostizierten Karzinome darstellen.
 
Rauchen ist als deutlicher Risikofaktor ebenfalls in der Leitlinie benannt. Das Risiko steigt mit der Dauer des Rauchens und der Anzahl der gerauchten Zigaretten.
Problematisch bleibt weiterhin, dass häufig das Harnblasenkarzinom sehr spät diagnostiziert wird: Bei etwa einem Drittel ist bereits ein fortgeschrittenes Stadium eines muskelinvasiven Karzinoms erreicht. Leider kann bislang kein zuverlässiger diagnostischer Marker zur Früherkennnung – auch nicht bei Risikogruppen – empfohlen werden. Bei den Hochrisikogruppen (Raucher, beruflich Belastete) kann durch Urinuntersuchungen auf geringe mit bloßem Auge nicht sichtbares Blut (Mikrohämaturie) das Harnblasenkarzinom früher erkannt werden.Für Interessierte: Hier finden Sie die S3-Leitlinie Harnblasenkarzinom in allen Versionen http://leitlinienprogramm-onkologie.de
Ab Ende dieses Jahres beginnen die Arbeiten zu einer auf dieser Leitlinie aufbauenden Patientenleitlinie, an der der ShB wieder mitarbeiten wird.
 
Ein weiterer für uns sehr wichtiger Themenbereich wurde unter der Überschrift: “Paradigmenshifts in der Onkologie“ behandelt. (Verschiebung von Denkmustern in der Wissenschaft der Krebserkrankungen). Hier ging es um die Krebsimmuntherapie speziell auch für das Harnblasenkarzinom. Hier geht es darum, die T-Zellen des Immunsystems so zu aktivieren, dass sie die Krebszellen zerstören können. Die Details sind sehr komplex und es gibt noch viele offene Fragen, aber die Immuntherapie wird bereits als die 5. Säule der Tumortherapie bezeichnet, neben Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, Beeinflussung der Signalübertragung.